Montag, 4. September 2017

Wir haben den Gotthardbasistunnel vergebens gebaut. Merkel-Deutschland, die EU foutieren sich um die Rheintallinie


Die führende deutsche Zeitung,
die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („F.A.Z.“)
schreibt am Samstag, den 02.09.2017 :

"Rastatt und der Güterverkehr"
– den Originaltext finden Sie im Anhang:

„Die Sperre der Bahnstrecke bei Rastatt ist eine Katastrophe mit Ansage.
Die paar abgesackten Gleise sind Teil der ‚Magistrale’ [leider nicht zutreffend – siehe etwas weiter unten] Rotterdam-Genua. Diese Hauptschlagader der Güterbahn [dies ist völlig richtig] hat keinen brauchbaren Bypass.“
„Ihre Bedeutung ist auch im Kanzleramt in Berlin wohlbekannt; Angela Merkel nannte diesen Abschnitt die „Aorta“ des europäischen Schienengüterverkehrs, als sie 2016 zur Eröffnung des Gotthard-Tunnels in der Schweiz sprach.“

Schön gesprochen, aber nicht mehr, denn:

Die Nr. 1 des Transeuropäischen Netzes TEN (englisch: „Trans-European Networks”) verläuft von Berlin über den Brenner bis nach Palermo und ist im Bau.
Quelle: “Wikipedia” – “Transeuropäisches Netz”; Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Transeurop%C3%A4ische_Netze .

In der Tabelle TEN-V-Kernnetzkorridore finden Sie unter
‚Skandinavien-Mittelmeer’:
Bremen – Hannover – Nürnberg – München – Innsbruck – (Brenner) – Verona – Bologna – Ancona – Florenz – Rom – Neapel – Bari – Taranto (It) – Valetta (Malta)
und unter
‚Rhein-Alpen’:
Genua – Novara – Brig – (Lötschberg) - Bern – Basel – Karlsruhe – Mannheim – Mainz – Koblenz – Köln.

Eine Transversale (TEN) durch den Gotthardbasistunnel
suchen Sie vergebens!

Zudem:
Es ist beschlossen, dass für 1,2 Milliarden Euro ein sieben Kilometer langer Tunnel unter der Stadt Offenburg gebohrt wird.
 Er soll 2035 – in 18 Jahren! – in Betrieb gehen. 
Die Güter werden nicht warten, und sie werden auch danach wohl nicht mehr auf die Schiene zurückkehren.
Der Tunnel unter der Stadt Rastatt ist gescheitert. Die DB und die deutschen Politiker haben sich noch nicht dazu geäussert, um wie viele Jahre sich der Tunnelbau verzögert.
Diese Tunnelbauten sind notwendig, weil die Bevölkerung im deutschen Rheintal keinen weiteren Eisenbahnlärm mehr duldet. Der Ausbau von zwei auf die notwendigen vier Gleise von Nord nach Süd ist demnach in überbauten Gebieten nur in Tunnels möglich.

Zudem:
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt genehmigt „Monstertrucks“, wie die Bahnlobby sie nennt, also überlange Lkw mit mehr Transportvolumen. Zudem werden die Lkw mit der Digitalisierung einen riesigen Sprung in der Personaleffizienz erleben, wenn sie im Fernverkehr elektronisch gekoppelt fahren können.
Auch beim Klimaschutz greift der Lastwagen den Bahnverkehr an. Der Bundesverkehrsminister erprobt Autobahnstrecken, auf denen Lastwagen mit Elektroantrieb Strom aus einem Fahrdraht über der rechten Spur beziehen.
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kauft sich Zeit mit Steuergeld, um politisch schwierigen oder unwillkommenen Entscheidungen zu entgehen.
Quelle: (Vollständiger Text im Anhang)
Rastatt und der Güterverkehr „F.A.Z.“ – Unternehmen, vom Samstag, den 02.09.2017;
„STANDPUNKT“ von Gottfried Ilgmann und Klemens Polatschek, Verkehrswissenschaftler.

FAZIT:
Deutschland ist das Land, das in der EU das Sagen hat. Dazu gibt es eine Fülle von Beispielen.
Adrian Arnold, Deutschland-Korrespondent der „SRF“-Tagesschau hat eine Betrachtung über Deutschland im Orell-Füssli-Verlag veröffentlicht, in der er – gemäss der Rezension in der "Preußischen Allgemeine Zeitung“ – die Ansicht vertritt Deutschland müsse in Europa die Führungsrolle übernehmen.
Frau Merkels Worte anlässlich der Eröffnung des Gotthardbasistunnels, an der bezeichnenderweise die EU nicht vertreten war – weder Juncker, noch Tusk noch irgendwer sonst haben der Einladung Folge geleistet – waren freundliche Worte, die aber in keiner Weise mit der Realität konform sind.
De facto ist die Eisenbahnverbindung von den niederländischen Häfen bis weit in den Süden Italiens DIE Hauptschlagader Europas – aber das passt weder Deutschland noch der EU.

Die EU forciert als Nord-Süd-Transversale den Brenner, obschon über den Brenner nur 30% der Gesamttonnage per Bahn transportiert werden; durch den Gotthard hingegen sind es 70%.
(Beide West-Ost-Transversalen gehen nördlich bzw. südlich an der Schweiz vorbei – Quelle, siehe oben – „Stuttgart21“ ist Teil davon).

Es wäre die Aufgabe des von Bundesrätin (zurzeit Bundespräsidentin) Doris Leuthard geleiteten Departements Umwelt, VERKEHR, Energie und Kommunikation (UVEK) darüber umfassend zu kommunizieren, hart am Ball zu bleiben – es hat (zu) lange gedauert, bis Frau Leuthard sich endlich zu einer Verlautbarung über die Folgen von Rastatt aufgerafft hat – und?

Der Lastwagen-Verkehr aus Deutschland durch die Schweiz nach Süden wird gewaltig zunehmen. (siehe weiter oben, Auszug aus der „F.A.Z.“)
Ich erinnere an das Versprechen von Frau Bundesrätin Doris Leuthard, dass der Bundesrat dafür sorgen werde, dass nach der Tunnelrenovation die dann zur Verfügung stehenden zwei Röhren Nord-Süd und Süd-Nord je nur einspurig befahren werden. Leider haben ihr zu viele biedere Schweizerinnen und Schweizer Glauben geschenkt.
Es werden durch beide Röhren Lastkraftwagen, überlange Monstertrucks auf zwei Spuren durch den Gotthard donnern. Leider ist Frau Leuthard dann nicht mehr Bundesrätin – sie tritt am Ende der Legislaturperiode zurück – und kann daher nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Diese Fakten lassen ein gewichtiges Argument des „NZZ“-Chefredaktors Eric Gujer in seinem Vorschlaghammer-Leitartikel: "Die Schweiz braucht mehr Selbstbewusstsein", vom Samstag den 26.08.2017 ins Nichts zerrinnen: „Ein Anfang wäre es, wenn sich die Bundesräte in Brüssel sowie in Berlin, Paris, Rom und anderen Hauptstädten der EU zu Vorträgen einladen liessen, um mit Nachdruck darzulegen, welche Rolle die Schweiz in Europa innehat. Sie sichert nicht nur Verkehrswege und gräbt einen Tunnel nach dem anderen zum Nutzen ausländischer Reisender und Transporteure“. [und wird dabei, Herr Gujer, von Merkel-Deutschland sabotiert]

Ich blicke mit Sorge in die Zukunft,
da massgebende Politiker und Medienleute sich an den Strohhalm halten, dass Deutschland – d.h. Merkel-Deutschland bis 2021 sicher, evtl. noch weitere vier Jahre (Horst Seehofer, Ministerpräsident von Bayern) – ein Interesse an einer unabhängigen, souveränen Schweiz hat.

Ich sehe heute noch das Bild vor mir, das Frau Angela Merkel anlässlich ihres einzigen offiziellen Besuches zusammen mit der damaligen Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf zeigt: sie, Frau Merkel, zeigt sich äusserst gelangweilt. Der zweite Besuch – als Frau Simonetta Sommaruga Bundespräsidentin war – fand statt, weil die Universität Bern meinte, Frau Merkel mit einem Ehrendoktor würdigen zu müssen.

Deutschland, die EU will die Schweiz in die Knie zwingen, zum EU-Beitritt bringen, denn nach dem EU-Austritt Grosssbritanniens – Grossbritannien war einer der vier EU-Netto-Zahler (Schweden, Niederlande, Grossbritannien und Deutschland) – braucht Deutschland und somit die EU unser Geld, das ohne uns weitgehend Deutschland zusätzlich zu den rund 14 Milliarden Euro pro Jahr aufzubringen hätte.
2015 zahlte Grossbritannien 11,5 Milliarden mehr nach Brüssel ein, als es aus Brüssel erhielt, das waren 178 € pro Kopf (Schweden: 226, Niederlande 219, Deutschland: 176; oder: Niederlande: 0,54% des BIP, Schweden: 0,48, Grossbritannien 0,46% und Deutschland 0,46%);

Für zusätzliche Aufgaben bräuchte die EU zusätzlich mehr als 10 Milliarden Euro/Jahr (Quelle: “F.A.Z.).
Vue?

Ich frage mich,
haben wir noch genügend Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die fähig sind, sich, wenn es hart auf hart geht, der EU entgegenzustellen und dies auch wollen?
Ein solch blamables Schauspiel wie bei der Inthronisation des sogenannten „Inländer-/Ausländervorrangs light“ können wir uns nicht mehr leisten, sonst packt uns die EU gleich in den Sack.

Zudem:
«Inländervorrang light» Ein bürokratisches Monstrum titelt die „NZZ“ am Mittwoch, den 30.08.2017, 05:30 Uhr. George Sheldon schreibt: „Die Umsetzung des «Inländervorrangs light» wird keine Steigerung der Vermittlungseffizienz bringen, welche die Nachfrage der Firmen nach ausländischen Arbeitskräften senkt. Die Umsetzung des «Inländervorrangs light» ist ein bürokratisches Monstrum ohne praktischen Nutzen“. Allerdings kann sich Sheldon am Schluss seiner Ausführungen des Sauschwänzleins nicht verkneifen, wenn er meint schreiben zu müssen:
„Das Traurige daran ist, dass sich der Staat den ganzen Umtrieb vermutlich hätte schenken können, wenn die Befürworter der MEI nicht der irrigen Meinung gewesen wären, das Personenfreizügigkeitsabkommen habe eine Masseneinwanderung ausgelöst.“
Nun, das Traurige daran ist, dass ein Professor und Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik (FAI) am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum (WWZ) der Universität Basel meint, so den Sachverhalt verdrehen, ja umkehren zu müssen.
Fact ist, Herr Sheldon, dass die Netto-Einwanderung in die Schweiz 2013 und 2014 gut viermal grösser gewesen ist, als die Stadt Wettingen Einwohner zählt (rund 20'000). 2015 bzw. 2016 hat die Netto-Einwanderung immer noch gut und gern 71'000 bzw. 60'000 Personen betragen.
Das statistische Amt bequemt sich erst ab 2014 um eine einfach lesbare Übersicht über die Zunahme der ausländischen Wohnbevölkerung pro Jahr – Link: https://www.sem.admin.ch/dam/data/sem/publiservice/statistik/auslaenderstatistik/monitor/2014/statistik-zuwanderung-2014-12-d.pdf .

Nun, im letzten Halbjahr ist in der „NZZ“ ein Artikel erschienen – ich habe ihn leider nicht gespeichert – in dem der Mann, der Experte, der Guru zu Worte gekommen ist, der im Auftrage des Bundesrates prophezeit hat, dass wegen der Personenfreizügigkeit pro Jahr der Nettozuwachs pro Jahr nur etwa 15’00 Menschen betragen würde. Er hat sich nicht einmal seiner falschen Prognose geschämt.
Bei der USR-II-Reform hatten wir auch solche „Experten“, die uns mit Vorsatz oder aus Nichtwissen falsche Zahlen aufgetischt habe: sogar das Bundesgericht hat festgehalten, dass das Volk bei der Abstimmung 2008 betrogen worden ist.
Wir bräuchten Politiker und Medienleute sowie Schweizerinnen und Schweizer, die im Ernstfall – und der kommt wie das Amen in der Kirche – nicht der EU in den Hintern kriechen, das haben wir schon zur Genüge erlebt (übrigens: was waren das für Schweizer-Diplomaten, die die Guillotine-Klausel gebilligt haben und welcher Bundesrat (Plural) hat das zu verantworten?) sondern bereit sind – und es auch tun – eine momentane Einbusse des Wohlstandes in Kauf zu nehmen und durchzustehen, bis die EU nachgibt oder bis wir uns auf anderen Märkten gut verankert haben. Nicht zu vergessen: wir sind auch für die EU, vor allem für Deutschland, vor allem für die industriell gut aufgestellten Länder Bayern und Baden-Württemberg von Wichtigkeit.

Es braucht genügend Schweizerinnen und Schweizer, die nicht auf das Gesäusel eines Gerhard Schwarz (früher: „NZZ“, dann „avenir suisse“; wirtschaftsfreundlich) hereinfallen, der akribisch die „Souveränität“ der Bürgerin, des Bürgers über die ‚Souveränität’ unseres Landes zu stellen versucht: „Was die EU an der Schweiz hat“; „F.A.Z.“ – „Die Ordnung der Wirtschaft“, vom Freitag, den 28.07.2017.

Das Schwarz-Rezept lautet:
„Die Souveränität der Bürgerin, des Bürgers geht der Souveränität der Gemeinschaft, des Staates vor: „Wo dagegen der Verzicht auf sie ... [die Souveränität der Schweiz als Ganzes]
... dem Individuum mehr Freiheit und Wohlstand bringt, kann sie geopfert werden.]“
Der Haken ist aber der, dass die Souveränität des Individuums etwas ganz anderes ist als die Souveränität des Staates, denn:
In der Rechtswissenschaft ist die ‚Souveränität’ die Fähigkeit einer natürlichen oder juristischen Person zu ausschließlicher rechtlicher Selbstbestimmung.
Aber: In der Politikwissenschaft versteht man unter ‚Souveränität’ die Eigenschaft einer Institution [des Staates], innerhalb eines politischen Ordnungsrahmens einziger Ausgangspunkt der gesamten Staatsgewalt zu sein.
(Quelle: „Wikipedia“ – „Souveränität“)
So, wie Herr Schwarz dies sieht, könnte die Schweiz gegenüber der EU ruhig einen „Hongkong“-Status haben, wenn es den Einwohnern damit „wohlstandsmässig (noch) besser gehen würde“.


Anhang:
   
1) Die Unfallursache ist klar:

Die Deutsche Bundesbahn (DB) wollte in der von Grundwasser durchtränkten Rheinebene den Tunnel möglichst hoch führen, d.h. möglichst wenig unter der Erdoberfläche, um sich ein teureres Grundwasser-Management ersparen zu können.
Eine Überdeckung von weniger als 5 Meter (Abstand Tunnelfirst bis Erdoberfläche) ist bei Geröll, Erde und Wasser sehr gering. Solch geringe Überdeckungen hat es auch beim Bahnhofausbau in Zürich gegeben.
Auf jeden Fall wird das Obliegende tiefgefroren.
Jedoch:
Die DB fuhr mit einer Tunnelfräsmaschine auf, die das ganze Profil auf einmal ausfräste (um zu sparen: ein Fräsgang und gleich ist der ganze Tunnel da); ganzes Profil auf einmal, zusätzlich massive Erschütterungen durch das Fräsen; von oben erschüttert zusätzlich der Bahnverkehr: Schwächung des Obliegenden bis zum Nachgeben, Einsturz.
In Zürich aber ist man bergmännisch vorgegangen. Bergmännisch bedeutet, nur ein Teil des Tunnels wird fürs erste ausgebrochen – zum Beispiel mit einem Firststollen.
In Zürich ist lokal auch die Überdeckung (2 – 3 Meter) eingebrochen. Dabei ging eine simple Bohrmaschine verloren, als man den entsprechenden Abschnitt mit Beton ausfüllte.
Bei Rastatt hingegen steckt nun eine MillionenEuroteure Tunnelfräse im Beton. Da gibt es Leute, die meinen, die könne man wieder herausbohren und neu einsetzen.
Na, mit der deutschen Ingenieurskunst scheint es leider nicht mehr weit her zu sein, denn:
Der BER (Flughafen Berlin-Brandenburg) wird auch dieses Jahr nicht eingeweiht werden.


2) "Rastatt und der Güterverkehr" [Gotthardachse]

„F.A.Z. – Unternehmen“ vom Samstag, den 02.09.2017
„STANDPUNKT“
Von Gottfried Ilgmann und Klemens Polatschek, Verkehrswissenschaftler.

Die Sperre der Bahnstrecke bei Rastatt kann man als schlichtes Malheur an einer ehrgeizigen Baustelle sehen. Es ist aber auch eine Katastrophe mit Ansage. Die paar abgesackten Gleise sind Teil der Magistrale Rotterdam-
Genua. Ihre Bedeutung ist auch im Kanzleramt in Berlin wohlbekannt; Angela Merkel nannte diesen Abschnitt die „Aorta“ des europäischen Schienengüterverkehrs, als sie 2016 zur Eröffnung des Gotthard-Tunnels in der Schweiz sprach.
Diese Hauptschlagader der Güterbahn hat keinen brauchbaren Bypass. Denn die Bahnpassagiere zwischen Baden-Baden und Rastatt kann man auf Busse setzen. Mit der Ladung der Güterzüge geht das nicht. Die Güterbahnen schätzen, dass die wochenlange Sperrung der Strecke einen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe anrichten wird.
Dass auf dieser Schienenachse und auch anderswo der Infarkt kommt, ist schon länger klar. Es ist auch mit Dokumenten der Regierung besiegelt, man muss sie nur lesen können. Das Malheur gibt uns schon mal einen Vorgeschmack auf die Folgen.
Erst Ende Juni hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt seinen „Masterplan Güterverkehr“ vorgestellt. Der Anlass für das 44-seitige Dokument ist in ihm nicht vermerkt, aber trotzdem klar: Die Branche der Güterbahnen ist malad, in Deutschland wie in vielen Ländern Europas, und dieses Werk soll ihr wieder auf die Beine helfen. Das trifft speziell auf die DB Cargo zu, die Güterverkehrstochter der staatseigenen Deutschen Bahn AG (DB).
Das Dokument selbst gibt als Motivation an, mehr Verkehr auf die Schiene bringen zu wollen. Die Verkehrsverflechtungsprognose des Bundesverkehrsministers vom August 2015 sagt einen Anstieg von 43 Prozent im gesamten Güterverkehr für die Jahre 2010 bis 2030 voraus. Der Masterplan warnt, eine solche Steigerung werde „erhebliche verkehrs- und umweltpolitische Probleme“ aufwerfen. Daher soll die Bahn ran: „Bis zum Jahr 2030 soll der Marktanteil der Schiene am Güterverkehr in Deutschland deutlich steigen.“
Der Marktanteil der Güterbahn gegenüber den anderen Verkehrsträgern (dem dominanten Lkw und der Spezialität Binnenschiff) ist in Deutschland bereits vor historischen Zeiten auf rund 17 Prozent gefallen und stagniert seither um diesen Wert. Wenn nun die Nachfrage wächst, dann tut sie das auf den zentralen Achsen am kräftigsten, vor allem auf der Rheinschiene, wo Rastatt liegt. Gerade diese Achsen sind jedoch punktuell heute an der Grenze dessen, was sie an Verkehr bewältigen können. Den Marktanteil bis zum Jahr 2030 nur zu halten ist daher schon ehrgeizig.
Die beiden ersten Verbesserungspunkte im Masterplan handeln folgerichtig vom Thema Kapazität. Die preiswerteste Investition ist dabei die Anpassung des deutschen Netzes für 740 Meter lange Güterzüge, das ist die Standard-Wunschlänge in Europa. Langwieriger und teurer ist die zweite Maßnahme, die Entflechtung der großen Schienenknoten im Raum Frankfurt, Hamburg, Köln, Mannheim, München und Hannover.
Nun hat der Bundesverkehrsminister bereits im Frühjahr vergangenen Jahres den Bundesverkehrswegeplan 2030 (BVWP) vorgelegt, die erste Neuschreibung dieses Werks nach 13 Jahren. Der Bundestag hat die dazugehörigen Ausbaugesetze Ende 2016 beschlossen.
In diesem BVWP sind die Projekte 740-Meter-Zug und Großknoten-Umbau ebenfalls aufgeführt, aber in niedriger Priorität, in der Kategorie „potentieller Bedarf“. Sie sind also nichts, was man jetzt anpacken darf. Diese Vorhaben könnten in den „vordringlichen Bedarf“ aufsteigen, falls die fachgerechte Bewertung ergeben sollte, dass sie einen positiven Nutzen-Kosten-Koeffizienten für die Gesamtwirtschaft haben.
Wie der Blick in die Vergangenheit zeigt, ist Skepsis angebracht. Der frühere Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, SPD, stellte 2008 einen „Masterplan Güterverkehr und Logistik“ vor. Darin wurden 740-Meter-Züge versprochen und dazu eine Entmischung von Güter- und Personenverkehr auf der Schiene – was über die bloße Entflechtung der Knoten hinausgeht. Realisiert wurde fast nichts. Sein Nachfolger Peter Ramsauer, CSU, präsentierte im Jahr 2010 einen Aktionsplan Güterverkehr und Logistik“. Wortgleich finden sich darin die beiden Projekte wie 2008. Realisiert wurde fast nichts.
Der gesetzlich verbindliche Bundesverkehrswegeplan vernachlässigt also die seit Jahren vorgetragenen Themen zum Fortleben der Güterbahn. Ein Master- oder Aktionsplan hingegen, der keine Bindungswirkung hat, kündigt Heldentaten an, die dann nicht stattfinden. Welchem Plan glauben wir?
Die Güterbahn verliert bei der Aufstellung des Verkehrswegeplans naturgemäß, wenn sich niemand von politischem Gewicht ehrlich für sie stark macht. Der BVWP ist vom regionalen Interesse am Personenverkehr geprägt. Güterzüge tragen nichts zu den „Wertschöpfungspotentialen für die jeweilige Region durch bessere Erreichbarkeit“ bei – so hieß es zuletzt in einem Entschließungsantrag der Fraktionen der Regierungskoalition. Die Anwohner sehen nicht ein, „laute, schnelle Güterzüge lediglich im europäischen Gesamtinteresse akzeptieren zu sollen“ (Bundesdrucksache 18/7365 vom 26. Januar 2016). Wegen solcher Proteste verzögert sich zum Beispiel seit Jahren eine entscheidende Aufweitung der Rheinschiene bei Offenburg. Jetzt ist beschlossen, dass für 1,2 Milliarden Euro ein sieben Kilometer langer Tunnel unter der Stadt gebohrt wird. Er soll 2035 in Betrieb gehen. Die Güter werden nicht warten, und sie werden auch danach wohl nicht mehr auf die Schiene zurückkehren.
Bei Güterzügen gibt es mehrere klar getrennte Segmente. Ein „Ganzzug“ fährt eine lange Strecke, ohne dass er zwischendurch in Rangieranlagen Wagen oder Wagengruppen an- oder abkoppelt. Das typische Beispiel ist ein Zug mit fabrikneuen Autos von Stuttgart oder Ingolstadt zum Hafen Rotterdam. Der Masterplan notiert korrekterweise, dass diese Art von Güteraufkommen in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren werde. „Dagegen wird das kleinteiligere ... Güteraufkommen überdurchschnittlich steigen.“
In der Folge dieser Diagnose erreicht der Plan jedoch ein Höchstmaß an inneren Widersprüchen. Der kleinteilige Transport findet nämlich im zweiten Segment der Güterbahn statt, im „Einzelwagenverkehr“, wo Wagen und Wagengruppen aufwendig rangiert und zu Zügen zusammengestellt werden. Dieses Segment ist betriebswirtschaftlich am meisten in Not. Der Masterplan stemmt sich dagegen mit hochfliegenden Ideen zur Digitalisierung der Abläufe, aber auch mit Eingriffen der Politik: Sogar eine „verpflichtende Anbindung an die Schiene für aufkommensstarke Standorte“ solle geprüft werden.
Bislang ist die staatliche Deutsche Bahn aber der Einsicht gefolgt, dass der Lastwagen im kleinteiligen Transport preislich schwer zu schlagen ist. Sie ist ja selbst mit den Lastwagen ihrer Tochtergesellschaft DB Schenker als Logistiker aktiv. Logistikzentren entstehen heute an der Straße. Gleisanschlüsse sind nicht vorgesehen. Die vorhandenen Gleisanschlüsse baut die DB derzeit zu Hunderten ab: Zu wenig Verkehr für zu hohe Kosten, heißt es.
Nun also soll das, was bislang zerdeppert worden ist, die Zukunft sein. Die Wahrheit ist nur: Den kleinteiligen Verkehr wird der Lastwagen in Zukunft noch erheblich effizienter abwickeln. Dafür sorgt der Bundesverkehrsminister selbst, denn er genehmigt „Monstertrucks“, wie die Bahnlobby sie nennt, also überlange Lkw mit mehr Transportvolumen. Zudem werden die Lkw mit der Digitalisierung einen riesigen Sprung in der Personaleffizienz erleben, wenn sie im Fernverkehr elektronisch gekoppelt fahren können.
Auch beim Klimaschutz greift der Lastwagen den Bahnverkehr an. Der Bundesverkehrsminister erprobt Autobahnstrecken, auf denen Lastwagen mit Elektroantrieb Strom aus einem Fahrdraht über der rechten Spur beziehen. Damit entschwindet die letzte Argumentation pro Güterbahn, die auch der Masterplan hervorhebt, nämlich: Sie sei umweltfreundlicher und verdiene deshalb subventioniert zu werden.
Eine Chance für die Güterbahn – vielleicht die entscheidende – wurde hingegen vertan. DB Cargo beherrscht fast als Monopolist den Einzelwagenverkehr und hat – über die Konzernschwestergesellschaft DB Netz – den Zugriff auf Verladestationen, Rangier- und Abstellanlagen. Wettbewerber können ihre Wagen nur unter der Frachtführerschaft von DB Cargo einstellen. Die privaten Güterbahnen sollen DB Cargo konkurrenzieren, obwohl sie von ihr und ihrem Einfluss auf die Infrastruktur abhängig sind? Sie fordern deshalb seit langem eine wettbewerbsneutrale Branchenlösung.
Im Masterplan Schienengüterverkehr herrscht brüllendes Schweigen zu diesem Thema. Man versteht das schon; der Bund steht hier im Spagat. Er hätte nichts gegen eine blühende Branche der Güterbahnen. Mit Rücksicht auf das eigene Unternehmen kann es aber nur heißen: DB Cargo first!
Die Schonung des staatlichen DB-Konzerns bedeutet ärmliche Innovation und damit dürftige Effizienzsteigerung. Der erste und wichtigste Schritt zu mehr Innovation wäre, die Güterbahn selbständig und handlungsfähig zu machen, so dass sie sich mit dem Bedarf ihrer Kunden wandeln kann. Der Bund müsste die Strukturen ändern, damit Anreize dazu entstehen. Einfach ist das nicht, aber wenn es nicht geschieht, gibt es nur Niedergang.
Simpel war hingegen die einzig konkrete Tat im Rahmen des Masterplans. Der Bundesverkehrsminister erlässt der darbenden Branche rund die Hälfte ihrer Nutzungsgebühren für die Schiene. „Mit Inkrafttreten des Haushalts 2018 werden Mittel in Höhe von 350 Millionen Euro in die Senkung der Trassenpreise für den Schienengüterverkehr fließen“, schreibt das Ministerium. „Die Freiräume sollen die Unternehmen für Investitionen in Innovationen nutzen.“
Ein anderes Ergebnis ist wahrscheinlicher. Die Kunden, die Verlader, werden ihren Anteil fordern; die Transporte werden billiger werden, selbst solche, die
bahnaffin sind, mit schweren Gütern und Ganzzügen über lange Strecken. Und wie man nun ahnt, könnte die Branche den Rest des staatlichen Geschenks brauchen, um allein die Folgen von Rastatt zu bewältigen.
Die Halbierung der Trassenpreise löst kein einziges Problem. Der Bundesverkehrsminister kauft sich Zeit mit Steuergeld, um politisch schwierigen oder unwillkommenen Entscheidungen zu entgehen. Deshalb ist im Masterplan keine Rede vom Markt, und wie man ihn organisiert. Rastatt ist nur ein Zeichen an der Wand.
Dr. Gottfried Ilgmann und Klemens Polatschek sind Verkehrswissenschaftler.

 

Samstag, 2. September 2017

Herr Cassis ist leider kein geeigneter Nachfolger von Herrn Bundesrat Didier Burkhalter

Nachfolge von Bun­des­rat Di­dier Burkhalter:
Es ist gut, dass die FDP/Die Liberalen Schweiz drei Kandiaten zur Auswahl portieren. Zwei davon sind valabel.
Für mich kommt Herr Ignazio Cassis nicht in Frage.
Nach meinem Eindruckk will Herr Cassis es allen recht machen, damit er nach oben kommt, damit er geschätzt wird. Das nützt unserem Land in KEINER Weise, vor allem nicht bei den harten Verhandlungen mit der EU.
Die Dreisprachigkeit, die Italianita sind keine wichtigen Kriterien. Es hätte im Kanton Tessin durchaus sehr valable Kandidaten (w./m.) gegeben. Aber, siehe oben, Herr Cassis war "lieb Kind".
Zudem - dafür kann er nichts - aber in Verhandlungen mit Politikern anderer Nationen ist doch wichtig: Cassis ist kleinwüchsig, ja unscheinbar mit knabenhafter Stimme.
Stellen Sie sich Herrn Cassi neben Trump, neben XI Jinping odern eben Li Keqiang vor - usw. - alles freundliche Herren, aber Herr Cassis würde wie ein Schüler wirken.
Da hatte der scheidende Bundesrat Didier Burkhalter eine ganz anderes Auftreten und das war gut so: für ihn, für seine Botschaft und damit für unser Land, die Schweiz.

Ein Schock für Merkel-Deutschland!

Q​uelle:
1/22
Diese Umfrage dürfte eine kleine Schockwelle auslösen.

AfD legt kräftig zu – jetzt schon auf Platz 3


Vier Wochen vor der Bundestagswahl (hier weitere Infos zum Nachlesen) legt die AfD kräftig zu und ist mit 10 Prozent (+2) auf Platz 3. Sollte es in vier Wochen bei der Bundestagswahl erneut zu einer Großen Koalition kommen, würde dem Rechtspopulisten Alexander Gauland die Rolle des Oppositionsführers zufallen.
 © dpa Alice Weidel und Alexander Gauland, Spitzenkandidaten der AfD Nach dem neuesten ARD-Deutschland-Trend​​ reicht es für die Union (38, -1) und die FDP (9, +1) nicht für Schwarz-Gelb. Auch die SPD (22, -2), die Linke (9, +-0) und die Grünen (8,+-0) bekommen keine Regierung zustande.
Wahrscheinl​​icher Ausweg: erneut eine Große Koalition - obwohl die SPD dies vehement ablehnt.
Das gute Abschneiden der AfD in den Umfragen überrascht.
Nach dem Abflauen der Flüchtlingswelle war die Zustimmung zu der Partei, die bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommer​​n bei über 20 Prozent lag, stark geschrumpft.

Gaulan​​d als Oppositionsführer?

Al​​exander Gauland würde bei diesem Wahlausgang Oppositionsführer - er gilt als gesetzt für das Amt des Fraktionschefs. Gauland, der derzeit noch im brandenburgischen Landtag in Potsdam sitzt, würde dann bei großen Debatten im Bundestag auf Kanzlerin Angela Merkel antworten - eine Rolle, die zuletzt Dietmar Bartsch (Links-Partei) innehatte.
Die AfD soll mit rund 70 Abgeordneten rechnen. Den Rechtspopulisten winken wichtige Ämter im Vorsitz von Bundestagsausschüssen​​ und ein Posten im Präsidium des Bundestages. Dazu kommen etliche Millionen aus der Wahlkampf-Kostenersta​​ttung.
Unklar ist, wie es mit den Rechten der Opposition weitergeht, falls es zur Großen Koalition kommt. 2014 hatte der Bundestag die Rechte der kleinen Fraktionen gestärkt. Statt 158 Abgeordnete brauchen Grüne und Linke nur noch 120, um einen Untersuchungsausschus​​s einzusetzen. Dies ist auf diese Legislaturperiode befristet.
(red)

In Bayern wächst ein zartes Pflänzchen erfreulich

Erfolgreiche Volks­be­geh­ren in Bayern
In Deutschland wächst die Lust auf direkte Demokratie
„NZZ“ vom 31.08.2017, 12:00 Uhr; von Marc Felix Serrao, Berlin

Viele in Deutschland lehnen direktdemokratische Mittel für das Land ab. Doch in den Bundesländern und Kommunen wird immer öfter damit experimentiert.
Die Antwort auf die Frage, wer in Deutschland die Macht hat, ist zweieinhalb Meter hoch und vier Meter breit. Um sie zu transportieren, braucht es mehrere kräftige Hände und einen Lieferwagen. «Laut unserem Grundgesetz geht alle Macht vom Volke aus», sagt der Theologe Ralf-Uwe Beck. «Wir erinnern die Leute daran, dass das keine Phrase ist.» Becks Antwort auf die Machtfrage ist ein Spiegel.

Der Spiegel der Macht
Am 24. September dürfen 61,5 Millionen Deutsche ihre politischen Repräsentanten für den Bundestag wählen. Der 55-jährige Beck aus dem thüringischen Eisenach und seine durch die Republik verstreuten Mitstreiter vom Verein «Mehr Demokratie» wollen den Souverän daran erinnern, dass Wahlen zwar ein wichtiger Ausdruck seiner Macht sind, aber nicht der einzige bleiben müssen. Abstimmungen über konkrete politische Fragen – kurz: direkte Demokratie – gibt es in Deutschland bis jetzt nur auf den Ebenen der Kommunen und der Bundesländer.
Im Bund, wo es ums grosse Ganze geht, ist Deutschland eine rein repräsentative Demokratie.
Die zwei theoretischen Ausnahmen sind Abstimmungen über eine neue Verfassung und eine Neugliederung des Bundesgebiets.
[Grund​​sätzlich dürfen die Deutschen nicht über Finanzvorhaben und Steuern abstimmen].
Der Theologe Beck will, dass die Bürger auch im Bund mitentscheiden dürfen, und das nicht nur indirekt und alle vier Jahre. In knapp einem Drittel der 299 deutschen Wahlkreise werden er und seine Vereinsfreunde in den Wochen vor der Wahl deshalb ihre Spiegel an zentralen Plätzen aufstellen. Die Bürger sollen hineinschauen und sich ihrer Macht bewusst werden.

Tradition der Untertanen
In der angrenzenden Schweiz würde so eine Aktion verpuffen. Die Leute würden kurz in den Spiegel schauen, sich vielleicht die Haare richten und weitergehen. Hier muss niemandem erklärt werden, wer der Souverän ist. In Deutschland schon. Das erste, naheliegende Argument ist historisch: Die Menschen hier haben kaum Praxis als Demokraten, dafür viel Erfahrung als Untertanen. Aus den Revolutionsversuchen freiheitlich gesinnter Studenten und Staatsmänner des 19. Jahrhunderts wurde nichts. Auf den Ersten Weltkrieg folgte die Weimarer Republik, ein auf dem Papier edler und auf der Strasse verhasster Kompromiss, der in der Gewaltherrschaft der Nazis endete. Und das, sagen manche Gegner der direkten Demokratie in Deutschland, ist noch nicht wirklich lange her.
Das zweite Argument ist inhaltlicher Natur. Ihm gemäss sind politische Entscheidungen meist zu kompliziert, um sie dem einfachen Volk vorzulegen. Ein feines Beispiel für diese Haltung lieferte der Politologe Wolfgang Merkel nach der Bundestagswahl vor vier Jahren, als Union und SPD in den Koalitionsverhandlung​​en schon einmal darüber stritten, ob es bundesweite Volksentscheide geben soll oder nicht. «Diejenigen, die zu Volksentscheiden gehen, sind ohnehin schon relativ politisch», erklärte Merkel der «Zeit». Die anderen Bürger erreiche man nicht. «Die Fragen sind zu kompliziert oder stossen auf Desinteresse.» Übersetzt: Das Volk, von dem laut Grundgesetz alle Macht ausgeht, ist eigentlich zu doof zum Herrschen.
Das erste Argument lässt sich leicht entkräften. Es mag sein [es ist so], dass die Deutschen keine demokratische Tradition besitzen wie etwa die Schweizer oder die Engländer.
Aber zu behaupten, die Weimarer Republik sei an zu viel Bürgerbeteiligung zugrunde gegangen, ist falsch.
[Aber genau das behauptet die deutsche Politiker-Kaste durchs Band weg]
Ja, es gab plebiszitäre Elemente in der damaligen Verfassung, und diese wurden vor allem von reaktionären und kommunistischen Kräften eifrig genutzt. Aber keiner der Versuche war erfolgreich. Für einen Volksentscheid mussten zehn Prozent der Wahlberechtigten dem Reichstag ein Volksbegehren vorlegen. War das Parlament dagegen, dann folgte der Volksentscheid. Für ein Begehren, das im Widerspruch zur Verfassung stand, musste nicht nur mehr als die Hälfte der Abstimmenden, sondern der Wahlbevölkerung mit Ja stimmen.
Zwei Volksbegehren schafften es, die nötige Unterstützung einzusammeln. 1926 forderten Sozialdemokraten und Kommunisten gemeinsam die entschädigungslose Enteignung der deutschen Fürstenhäuser. Drei Jahre später verlangten rechte Parteien, die im «Young-Plan» festgelegten deutschen Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs zu stoppen. Beide Male kamen die Volksentscheide nicht auf die erforderliche Mehrheit. Die Weimarer Republik ist nicht an zu viel demokratischer Beteiligung zugrunde gegangen. Wenn, dann gab es zu wenige Demokraten.

Zu kompliziert für das Volk?
Auch für den Theologen Ralf-Uwe Beck hat sich das historische Argument erledigt. «Wer das heute noch bringt, hat die Debatten der vergangenen Jahrzehnte verschlafen», sagt er. Und das zweite Argument, die angebliche Blödheit des Souveräns? Beck lacht. «Warum soll ein Abgeordneter einen komplizierten Sachverhalt besser verstehen als ein normaler Bürger?» Wer es nicht schaffe, Politik in verständliche Entscheidungen zu übersetzen, sei fehl am Platz. Das gelte auch für Volksbegehren. «Wenn ihr Anliegen niemand versteht, werden sie nie genügend Unterstützer finden.»
Vermutlich liegt es an Becks Biografie, dass er sich mit der repräsentativen und konsensorientierten Gemütlichkeit der Bundesrepublik nicht zufriedengeben will. Diese Haltung teilt er mit vielen Ostdeutschen, links wie rechts der politischen Mitte. Die Älteren unter ihnen haben meist feine Antennen für Politiker, die die Bürger pater- oder maternalistisch an die Hand nehmen wollen. Doch anders als etwa die selbsternannten Retter des Abendlandes von Pegida setzt Beck nicht auf Trillerpfeifen und Gebrüll gegen das «System» und die «Altparteien». Der Mann will nichts abschaffen. Er will die bestehende Ordnung stabilisieren.
Direkt​​e Demokratie sei kein Gegenpol zum Parlamentarismus, sagt er. «Beides ergänzt sich perfekt.»
[Laut der führenden deutschen Zeitung, der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat die Abstimmung über das heftig umstrittene Bahnprojekt "Stuttgart 21" eine klare Zustimmung ergeben. Nach der Volksabstimmung herrsche diesbezüglich Ruhe im Ländle - selbstverständlich bleiben viele skeptisch - das ist auch ihr gutes Recht.
Wie bei uns in der Schweiz, die nach dem "Ja" zur zweiten Tunnelröhre am Gotthard skeptisch sind zum Versprechen von Bundesrätin Doris Leuthard, dass nach der Revision jede der beiden Tunnelröhren nur einspurig befahren werde - EU hin oder her].

Widerstand in der CDU
Beck war in der DDR erst Traktorist und später Pfarrer. Seit der Wiedervereinigung ist der dreifache Vater, der bis heute in seinem Geburtsort Eisenach lebt, in der Umweltbewegung und in verschiedenen Funktionen für die evangelische Kirche aktiv. Nach der thüringischen Landtagswahl 2009 war er sogar als Ministerpräsident einer rot-roten Regierung im Gespräch. Der heutige Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei war den Sozialdemokraten damals noch nicht geheuer. Also wurde ein Kompromiss gesucht. Becks Name fiel, aber nur kurz. Dann entschied sich die SPD, wie es ihre Art ist, für die Sicherheit, in diesem Fall eine grosse Koalition unter Führung der CDU.
Beck findet die Vorstellung, fast Ministerpräsident geworden zu sein, heute noch so amüsant wie damals. Doch mit seinem Herzensthema ist es ihm ernster denn je. Das liegt am schleichenden Erfolg. Unter den deutschen Parteien gibt es heute nur noch eine echte Gegnerin der direkten Demokratie auf Bundesebene, und das ist die CDU. Alle anderen Parteien stehen im Prinzip auf Becks Seite, inzwischen sogar die CSU. Die bayrische Schwesterpartei der CDU habe sich zwar jahrzehntelang «massiv gesperrt», sagt der Theologe. Aber das ist Geschichte. Seit vergangenem Herbst wirbt die CSU sogar in ihrem Programm für mehr direkte Demokratie.

Bayerns​​ Volksbegehren
Bayern sei heute eine der lebendigsten direkten Demokratien im deutschen Föderalismus, schwärmt Beck. Das stimmt.
Zwar scheiterten in den vergangenen Jahren etliche Volksbegehren am nötigen Quorum für einen Volksentscheid; zehn Prozent der Stimmberechtigten müssen sich dort binnen einer Frist von 14 Tagen in Listen eintragen, die in bayrischen Amtsstuben ausliegen. Doch in den Fällen, in denen sich genügend Menschen auf den Weg machten, hatten die Initiatoren Erfolg.
2013 etwa setzten sich die Bürger im Freistaat mit dem von den Freien Wählern angestossenen Volksbegehren «Nein zu Studiengebühren in Bayern» durch. Es kam nicht einmal zum Volksentscheid.
Die regierende CSU, die von allen deutschen Parteien bis heute den besten Riecher für Stimmungen in der Bevölkerung hat, schwenkte nach dem Volksbegehren um und übertölpelte damit ihren Fraktionspartner FDP. Bei der Abstimmung im Landtag gab es eine entsprechend satte Mehrheit für eine Änderung des Hochschulgesetzes. Zum Wintersemester 2013/2014 waren Studiengebühren in Bayern Geschichte.
Ein zweites Beispiel war der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz vor acht Jahren. Das Volksbegehren war mit 13,9 Prozent der Stimmen eines der erfolgreichsten der Landesgeschichte. Der anschliessende Volksentscheid kam auf 61 Prozent Zustimmung, ebenfalls ein hoher Wert. Seither darf in bayrischen Cafés, Wirtshäusern und Bierzelten nicht mehr geraucht werden, und das ausnahmslos. Die Gegner machten damals zwar jede Menge Lärm. Rauchgegner wurden als intolerante Gesundheitsfanatiker beschimpft, das Ende der bayrischen Gastlichkeit wurde heraufbeschworen. Doch es kam anders. Weder verwandelten sich die Bayern in freudlose Abstinenzler, noch litt die Gastronomie unter nennenswerten Umsatzeinbussen. Dafür stinkt, wer heute im Freistaat in ein Wirtshaus geht, anschliessend nicht mehr wie ein Aschenbecher.
Der parteilose, aber politisch eher linksstehende Beck spricht beim Thema direkte Demokratie voller Begeisterung von der konservativen CSU. Selbst der frühere bayrische Ministerpräsident Günther Beckstein rede heute über Volksentscheide, als wäre er ein Ehrenmitglied im Verein «Mehr Demokratie», sagt er. Beck hofft, dass sich die Haltung der CSU auf die CDU übertragen wird. Das heisst in diesem Fall: auf die Bundeskanzlerin.
Denn​​ ohne Angela Merkel geht auch in dieser Frage nichts.
[Frau Merkel ist in der DDR sozialisiert worden. Ihr geht jegliches Verständnis für die Direkte Demokratie ab. Sie regiert von oben nach unten].
Wenn die Kanzlerin Ende September die Wahl gewinnt, was nur noch ein politisches Wunder verhindern kann, dann entscheidet sie ganz massgeblich mit über das, was im Koalitionsvertrag steht. Heisst es dort, dass es bundesweite Volksentscheide in Deutschland geben soll, dann wird es sie geben. Andernfalls muss sich Beck wohl noch ein paar Jahre gedulden. Seine vier Meter breiten Spiegel, in denen er den Deutschen ihre politische Souveränität vorführen will, sollte er nach der Reise durch die Wahlkreise nicht gleich entsorgen.

So flexibel, wie sich die regierende CDU in den vergangenen Jahren gezeigt hat, wird es vermutlich nicht allzu lang dauern, bis Frau Merkel ihre Haltung ändert.
[Verzell du daas em Fäärimaa!]


Neue Politik
Ich gebe dir meine Stimme
von Adrienne Fichter 17.5.2017, 05:30
In vielen westlichen Demokratien dominieren Populismus und Politabstinenz. Digitale Pioniere erproben darum neue Möglichkeiten der politischen Partizipation. Hat die Liquid Democracy Zukunft?

Nach dem Brexit
Mehr Demokratie, jetzt!
Kommentarvon Martin Beglinger 30.6.2016, 19:21
Für die meisten europäischen Spitzenpolitiker ist die direkte Demokratie eine Schreckvorstellung. Doch Europa braucht nach dem Brexit nicht weniger Referenden, sondern mehr.

NZZ-Quiz zur Bundestagswahl in Deutschland
Wie gut kennen Sie die Parteien in Deutschland?
von Martin Jungfer / Alexander Mühlbach 30.8.2017, 10:32
Am 24. September wird in Deutschland der neue Bundestag gewählt. Realistische Hoffnungen auf den Einzug ins Parlament dürfen sich neben CDU/CSU und SPD die Grünen, die FDP, die AfD und die Linke machen. In unserem Quiz können Sie Ihr Wissen zu diesen Parteien unter Beweis stellen.

Frauke Petry an Auns-Versammlung
«Deu​​tschland hat dringend mehr Schweiz nötig»
von Boas Ruh, Matten 23.4.2016, 19:30
Die AfD-Chefin hat vor den Auns-Mitgliedern die Schweiz für die direkte Demokratie gelobt. Frauke Petry rief zu einer europaweiten Allianz von EU-Kritikern auf.

Donnerstag, 31. August 2017

In Deutschland wächst die Lust nach Direkter Demokratie

Erfolgreiche Volks­be­geh­ren in Bayern
In Deutschland wächst die Lust auf direkte Demokratie
„NZZ“ vom 31.08.2017, 12:00 Uhr; von Marc Felix Serrao, Berlin

Viele in Deutschland lehnen direktdemokratische Mittel für das Land ab. Doch in den Bundesländern und Kommunen wird immer öfter damit experimentiert.
Die Antwort auf die Frage, wer in Deutschland die Macht hat, ist zweieinhalb Meter hoch und vier Meter breit. Um sie zu transportieren, braucht es mehrere kräftige Hände und einen Lieferwagen. «Laut unserem Grundgesetz geht alle Macht vom Volke aus», sagt der Theologe Ralf-Uwe Beck. «Wir erinnern die Leute daran, dass das keine Phrase ist.» Becks Antwort auf die Machtfrage ist ein Spiegel.

Der Spiegel der Macht
Am 24. September dürfen 61,5 Millionen Deutsche ihre politischen Repräsentanten für den Bundestag wählen. Der 55-jährige Beck aus dem thüringischen Eisenach und seine durch die Republik verstreuten Mitstreiter vom Verein «Mehr Demokratie» wollen den Souverän daran erinnern, dass Wahlen zwar ein wichtiger Ausdruck seiner Macht sind, aber nicht der einzige bleiben müssen. Abstimmungen über konkrete politische Fragen – kurz: direkte Demokratie – gibt es in Deutschland bis jetzt nur auf den Ebenen der Kommunen und der Bundesländer.
Im Bund, wo es ums grosse Ganze geht, ist Deutschland eine rein repräsentative Demokratie.
Die zwei theoretischen Ausnahmen sind Abstimmungen über eine neue Verfassung und eine Neugliederung des Bundesgebiets.
[Grund​​sätzlich dürfen die Deutschen nicht über Finanzvorhaben und Steuern abstimmen].
Der Theologe Beck will, dass die Bürger auch im Bund mitentscheiden dürfen, und das nicht nur indirekt und alle vier Jahre. In knapp einem Drittel der 299 deutschen Wahlkreise werden er und seine Vereinsfreunde in den Wochen vor der Wahl deshalb ihre Spiegel an zentralen Plätzen aufstellen. Die Bürger sollen hineinschauen und sich ihrer Macht bewusst werden.

Tradition der Untertanen
In der angrenzenden Schweiz würde so eine Aktion verpuffen. Die Leute würden kurz in den Spiegel schauen, sich vielleicht die Haare richten und weitergehen. Hier muss niemandem erklärt werden, wer der Souverän ist. In Deutschland schon. Das erste, naheliegende Argument ist historisch: Die Menschen hier haben kaum Praxis als Demokraten, dafür viel Erfahrung als Untertanen. Aus den Revolutionsversuchen freiheitlich gesinnter Studenten und Staatsmänner des 19. Jahrhunderts wurde nichts. Auf den Ersten Weltkrieg folgte die Weimarer Republik, ein auf dem Papier edler und auf der Strasse verhasster Kompromiss, der in der Gewaltherrschaft der Nazis endete. Und das, sagen manche Gegner der direkten Demokratie in Deutschland, ist noch nicht wirklich lange her.
Das zweite Argument ist inhaltlicher Natur. Ihm gemäss sind politische Entscheidungen meist zu kompliziert, um sie dem einfachen Volk vorzulegen. Ein feines Beispiel für diese Haltung lieferte der Politologe Wolfgang Merkel nach der Bundestagswahl vor vier Jahren, als Union und SPD in den Koalitionsverhandlung​​en schon einmal darüber stritten, ob es bundesweite Volksentscheide geben soll oder nicht. «Diejenigen, die zu Volksentscheiden gehen, sind ohnehin schon relativ politisch», erklärte Merkel der «Zeit». Die anderen Bürger erreiche man nicht. «Die Fragen sind zu kompliziert oder stossen auf Desinteresse.» Übersetzt: Das Volk, von dem laut Grundgesetz alle Macht ausgeht, ist eigentlich zu doof zum Herrschen.
Das erste Argument lässt sich leicht entkräften. Es mag sein [es ist so], dass die Deutschen keine demokratische Tradition besitzen wie etwa die Schweizer oder die Engländer.
Aber zu behaupten, die Weimarer Republik sei an zu viel Bürgerbeteiligung zugrunde gegangen, ist falsch.
[Aber genau das behauptet die deutsche Politiker-Kaste durchs Band weg]
Ja, es gab plebiszitäre Elemente in der damaligen Verfassung, und diese wurden vor allem von reaktionären und kommunistischen Kräften eifrig genutzt. Aber keiner der Versuche war erfolgreich. Für einen Volksentscheid mussten zehn Prozent der Wahlberechtigten dem Reichstag ein Volksbegehren vorlegen. War das Parlament dagegen, dann folgte der Volksentscheid. Für ein Begehren, das im Widerspruch zur Verfassung stand, musste nicht nur mehr als die Hälfte der Abstimmenden, sondern der Wahlbevölkerung mit Ja stimmen.
Zwei Volksbegehren schafften es, die nötige Unterstützung einzusammeln. 1926 forderten Sozialdemokraten und Kommunisten gemeinsam die entschädigungslose Enteignung der deutschen Fürstenhäuser. Drei Jahre später verlangten rechte Parteien, die im «Young-Plan» festgelegten deutschen Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs zu stoppen. Beide Male kamen die Volksentscheide nicht auf die erforderliche Mehrheit. Die Weimarer Republik ist nicht an zu viel demokratischer Beteiligung zugrunde gegangen. Wenn, dann gab es zu wenige Demokraten.

Zu kompliziert für das Volk?
Auch für den Theologen Ralf-Uwe Beck hat sich das historische Argument erledigt. «Wer das heute noch bringt, hat die Debatten der vergangenen Jahrzehnte verschlafen», sagt er. Und das zweite Argument, die angebliche Blödheit des Souveräns? Beck lacht. «Warum soll ein Abgeordneter einen komplizierten Sachverhalt besser verstehen als ein normaler Bürger?» Wer es nicht schaffe, Politik in verständliche Entscheidungen zu übersetzen, sei fehl am Platz. Das gelte auch für Volksbegehren. «Wenn ihr Anliegen niemand versteht, werden sie nie genügend Unterstützer finden.»
Vermutlich liegt es an Becks Biografie, dass er sich mit der repräsentativen und konsensorientierten Gemütlichkeit der Bundesrepublik nicht zufriedengeben will. Diese Haltung teilt er mit vielen Ostdeutschen, links wie rechts der politischen Mitte. Die Älteren unter ihnen haben meist feine Antennen für Politiker, die die Bürger pater- oder maternalistisch an die Hand nehmen wollen. Doch anders als etwa die selbsternannten Retter des Abendlandes von Pegida setzt Beck nicht auf Trillerpfeifen und Gebrüll gegen das «System» und die «Altparteien». Der Mann will nichts abschaffen. Er will die bestehende Ordnung stabilisieren.
Direkt​​e Demokratie sei kein Gegenpol zum Parlamentarismus, sagt er. «Beides ergänzt sich perfekt.»
[Laut der führenden deutschen Zeitung, der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat die Abstimmung über das heftig umstrittene Bahnprojekt "Stuttgart 21" eine klare Zustimmung ergeben. Nach der Volksabstimmung herrsche diesbezüglich Ruhe im Ländle - selbstverständlich bleiben viele skeptisch - das ist auch ihr gutes Recht.
Wie bei uns in der Schweiz, die nach dem "Ja" zur zweiten Tunnelröhre am Gotthard skeptisch sind zum Versprechen von Bundesrätin Doris Leuthard, dass nach der Revision jede der beiden Tunnelröhren nur einspurig befahren werde - EU hin oder her].

Widerstand in der CDU
Beck war in der DDR erst Traktorist und später Pfarrer. Seit der Wiedervereinigung ist der dreifache Vater, der bis heute in seinem Geburtsort Eisenach lebt, in der Umweltbewegung und in verschiedenen Funktionen für die evangelische Kirche aktiv. Nach der thüringischen Landtagswahl 2009 war er sogar als Ministerpräsident einer rot-roten Regierung im Gespräch. Der heutige Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei war den Sozialdemokraten damals noch nicht geheuer. Also wurde ein Kompromiss gesucht. Becks Name fiel, aber nur kurz. Dann entschied sich die SPD, wie es ihre Art ist, für die Sicherheit, in diesem Fall eine grosse Koalition unter Führung der CDU.
Beck findet die Vorstellung, fast Ministerpräsident geworden zu sein, heute noch so amüsant wie damals. Doch mit seinem Herzensthema ist es ihm ernster denn je. Das liegt am schleichenden Erfolg. Unter den deutschen Parteien gibt es heute nur noch eine echte Gegnerin der direkten Demokratie auf Bundesebene, und das ist die CDU. Alle anderen Parteien stehen im Prinzip auf Becks Seite, inzwischen sogar die CSU. Die bayrische Schwesterpartei der CDU habe sich zwar jahrzehntelang «massiv gesperrt», sagt der Theologe. Aber das ist Geschichte. Seit vergangenem Herbst wirbt die CSU sogar in ihrem Programm für mehr direkte Demokratie.

Bayerns​​ Volksbegehren
Bayern sei heute eine der lebendigsten direkten Demokratien im deutschen Föderalismus, schwärmt Beck. Das stimmt.
Zwar scheiterten in den vergangenen Jahren etliche Volksbegehren am nötigen Quorum für einen Volksentscheid; zehn Prozent der Stimmberechtigten müssen sich dort binnen einer Frist von 14 Tagen in Listen eintragen, die in bayrischen Amtsstuben ausliegen. Doch in den Fällen, in denen sich genügend Menschen auf den Weg machten, hatten die Initiatoren Erfolg.
2013 etwa setzten sich die Bürger im Freistaat mit dem von den Freien Wählern angestossenen Volksbegehren «Nein zu Studiengebühren in Bayern» durch. Es kam nicht einmal zum Volksentscheid. Die regierende CSU, die von allen deutschen Parteien bis heute den besten Riecher für Stimmungen in der Bevölkerung hat, schwenkte nach dem Volksbegehren um und übertölpelte damit ihren Fraktionspartner FDP. Bei der Abstimmung im Landtag gab es eine entsprechend satte Mehrheit für eine Änderung des Hochschulgesetzes. Zum Wintersemester 2013/2014 waren Studiengebühren in Bayern Geschichte.
Ein zweites Beispiel war der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz vor acht Jahren. Das Volksbegehren war mit 13,9 Prozent der Stimmen eines der erfolgreichsten der Landesgeschichte. Der anschliessende Volksentscheid kam auf 61 Prozent Zustimmung, ebenfalls ein hoher Wert. Seither darf in bayrischen Cafés, Wirtshäusern und Bierzelten nicht mehr geraucht werden, und das ausnahmslos. Die Gegner machten damals zwar jede Menge Lärm. Rauchgegner wurden als intolerante Gesundheitsfanatiker beschimpft, das Ende der bayrischen Gastlichkeit wurde heraufbeschworen. Doch es kam anders. Weder verwandelten sich die Bayern in freudlose Abstinenzler, noch litt die Gastronomie unter nennenswerten Umsatzeinbussen. Dafür stinkt, wer heute im Freistaat in ein Wirtshaus geht, anschliessend nicht mehr wie ein Aschenbecher.
Der parteilose, aber politisch eher linksstehende Beck spricht beim Thema direkte Demokratie voller Begeisterung von der konservativen CSU. Selbst der frühere bayrische Ministerpräsident Günther Beckstein rede heute über Volksentscheide, als wäre er ein Ehrenmitglied im Verein «Mehr Demokratie», sagt er. Beck hofft, dass sich die Haltung der CSU auf die CDU übertragen wird. Das heisst in diesem Fall: auf die Bundeskanzlerin.

Denn​​ ohne Angela Merkel geht auch in dieser Frage nichts.
[Frau Merkel ist in der DDR sozialisiert worden. Ihr geht jegliches Verständnis für die Direkte Demokratie ab. Sie regiert von oben nach unten].

Wenn die Kanzlerin Ende September die Wahl gewinnt, was nur noch ein politisches Wunder verhindern kann, dann entscheidet sie ganz massgeblich mit über das, was im Koalitionsvertrag steht. Heisst es dort, dass es bundesweite Volksentscheide in Deutschland geben soll, dann wird es sie geben. Andernfalls muss sich Beck wohl noch ein paar Jahre gedulden. Seine vier Meter breiten Spiegel, in denen er den Deutschen ihre politische Souveränität vorführen will, sollte er nach der Reise durch die Wahlkreise nicht gleich entsorgen.

So flexibel, wie sich die regierende CDU in den vergangenen Jahren gezeigt hat, wird es vermutlich nicht allzu lang dauern, bis sie ihre Haltung ändert.
[Verzell du daas em Fäärimaa!]


Neue Politik
Ich gebe dir meine Stimme
von Adrienne Fichter 17.5.2017, 05:30
In vielen westlichen Demokratien dominieren Populismus und Politabstinenz. Digitale Pioniere erproben darum neue Möglichkeiten der politischen Partizipation. Hat die Liquid Democracy Zukunft?

Nach dem Brexit
Mehr Demokratie, jetzt!
Kommentarvon Martin Beglinger 30.6.2016, 19:21
Für die meisten europäischen Spitzenpolitiker ist die direkte Demokratie eine Schreckvorstellung. Doch Europa braucht nach dem Brexit nicht weniger Referenden, sondern mehr.

NZZ-Quiz zur Bundestagswahl in Deutschland
Wie gut kennen Sie die Parteien in Deutschland?
von Martin Jungfer / Alexander Mühlbach 30.8.2017, 10:32
Am 24. September wird in Deutschland der neue Bundestag gewählt. Realistische Hoffnungen auf den Einzug ins Parlament dürfen sich neben CDU/CSU und SPD die Grünen, die FDP, die AfD und die Linke machen. In unserem Quiz können Sie Ihr Wissen zu diesen Parteien unter Beweis stellen.

Frauke Petry an Auns-Versammlung
«Deu​​tschland hat dringend mehr Schweiz nötig»
von Boas Ruh, Matten 23.4.2016, 19:30
Die AfD-Chefin hat vor den Auns-Mitgliedern die Schweiz für die direkte Demokratie gelobt. Frauke Petry rief zu einer europaweiten Allianz von EU-Kritikern auf.